Simple Minds
Im Jahr 2008 zelebrierten Simple Minds ihre Geschichte mit einem
spannenden Ausblick auf die Zukunft: Bereits ein paar Mausklicks bei
YouTube genügen, um zu erkennen, dass ihre ausverkaufte
Stadiontournee zum dreißigsten Band-Jubiläum, in deren
Rahmen sie in Großbritannien und ganz Europa auftraten, ein
voller Erfolg war. Die in Glasgow gegründete Band
präsentierte den Fans ein spektakuläres Live-Set, in dem sie
neben unsterblichen Klassikern wie „Alive And Kicking“
unter anderem auch sämtliche Stücke von ihrem „New Gold
Dream (81-82-83-84)“-Meilenstein aus dem Jahr 1982 spielten.
Doch während sie ihre Fans an die musikalischen Höhepunkte
der letzten Jahrzehnte erinnerten, legten sie zugleich das Fundament
für ihren nächsten Schritt: „Mit den
Jubiläumskonzerten wollten wir in erster Linie klarstellen, dass
unsere nächste Platte absolut einmalig und großartig
klingt“, sagt Frontmann Jim Kerr. „Wir wollten ein echtes
Vollblutalbum aufnehmen, eine beherzte Platte mit mutigen Pop-Hymnen.
Sprich: Es ging uns um Musik, der man nicht anmerkt, dass wir schon
seit drei Jahrzehnten existieren.“
Während „Graffiti Soul“ diesem Anspruch locker gerecht
wird, ist „Rockets“, die erste Singleauskopplung, das
Tüpfelchen auf dem i: Ausgestattet mit einem Gitarrenriff, das
einem nicht mehr aus dem Kopf gehen will, überdimensionalen
Melodien, eingängigem Gesang und lässigem Klatschen, ist es
zweifelsohne die ansteckendste Pop-Hymne, die Simple Minds seit
geraumer Zeit aufgenommen haben.
„Früher haben wir immer sehr viel Nabelschau betrieben. Wir
waren stets auf der Suche nach unserem Platz im großen
musikalischen Weltgefüge“, sagt Kerr. „Aber hin und
wieder muss man einfach einen Schlussstrich unter die ganze
Grübelei ziehen und stattdessen weitermachen. Genau das haben wir
gemacht, und wir waren noch nie mit so viel kreativer Energie bei der
Sache. Wir sind wirklich begeistert von diesem Album.“
Es handelt sich bei „Graffiti Soul“ bereits um das 15.
Studioalbum der Simple Minds. Produziert wurde es von der Band und Jez
Coad, abgemischt von Bob Clearmountain in Santa Monica. Die Songs
wurden an unterschiedlichen Orten geschrieben: in Rom, Sizilien,
Antwerpen und Glasgow, woraufhin der harte Kern der Band – also
Jim Kerr (Gesang), Charlie Burchill (Gitarre, Keyboards), Mel Gaynor
(Schlagzeug) und Eddie Duffy (Bass) – sie in den Rockfield
Studios in der Nähe von Monmouth (Wales) aufnahm.
Gleich mehrere Ereignisse können als Ausgangspunkt des neuen
Albums gelten: ihr Auftritt beim Konzert zum 90. Geburtstag von Nelson
Mandela zum Beispiel, den sie letzten Juni im Londoner Hyde Park
absolvierten, oder auch die problematische Lage, in die ihr
früheres Label Sanctuary geriet: „Leider begannen diese
Probleme schon kurze Zeit nachdem wir bei ihnen unterzeichnet
hatten“, kommentiert Kerr. Das Ende vom Lied war, dass
„Black & White 050505“, ihr letztes Studioalbum aus dem
Jahr 2005, kaum promotet wurde und daher etwas unterging; doch jetzt,
nachdem sie einen neuen Vertrag mit Universal unterzeichnet haben, kann
die Band es kaum abwarten, auch dem Rest der Welt zu zeigen, was
für ein großer Wurf ihnen mit „Graffiti Soul“
gelungen ist.
„In den letzten Jahren sahen wir uns gezwungen, die Band einer
Generalüberholung zu unterziehen, und mit der neuen Platte konnten
wir endlich die Früchte dieser Umwandlungen ernten“, sagt
Kerr. „Ich stehe nach wie vor zu ‘Black & White’
und finde die Platte gut, aber in der Zeit davor funktionierten wir
ehrlich gesagt wie ein alter Jumbojet, bei dem nur noch ein Triebwerk
richtig läuft – und trotzdem wollten die Leute sehen, wie
wir eine elegante Notlandung im Hudson River hinlegen. Was die
Besetzung der Band, die Produktion und auch externe Songwriter
betrifft, arbeiten wir heute mit einem fantastischen Team zusammen: mit
Leuten, die jetzt in die Fußstapfen derjenigen treten, die
früher den Sound der Simple Minds ausgemacht haben.“
Obwohl Charlie Burchill in Rom lebt und Jim Kerr derzeit scheinbar auf
Sizilien wohnt, hat Glasgow, die Geburtsstätte der Band, auch bei
der Entstehung von „Graffiti Soul“ eine überaus
wichtige Rolle gespielt. Ende 2007 zog Kerr temporär zurück
in seine alte Heimatstadt, nachdem bei seiner Mutter eine
Krebserkrankung festgestellt wurde. Erfreulicherweise schlug die
Therapie schon sehr bald an, aber Jim wollte trotzdem noch etwas
länger bleiben.
Im Haus seiner Eltern untergekommen, saß er erneut an demjenigen
alten Küchentisch, an dem er schon damals Songs geschrieben hatte,
während er sich Ideen und Song-Skizzen von Charlie anhörte,
die der Gitarrist ihm auf Audiokassetten mitgegeben hatte. „Also
probierte ich es noch einmal aus, und es funktionierte“,
berichtet er heute. „Mit einem kleinen Unterschied: Jetzt
schickte er mir MP3-Files aus Rom.“
Außerdem probten Simple Minds ein paar der neuen Stücke in
Glasgow, wobei sie auch mit der jüngeren Musikergeneration in
Kontakt kamen: „Dadurch blieben wir auf Zack“, sagt Kerr
lachend. „Uns war bewusst, dass draußen vor dem Raum ein
cooler Typ mit Gitarre zuhörte und dachte: ‘Na, kommt schon:
Jetzt müsst ihr es mir aber auch zeigen.’“
Reisen. Abschiede. Wiedersehen. Die große Suche. Das sind die
zentralen Themen von „Graffiti Soul“. Als Teenager lebte
Jim Kerr in einem Hochhaus in der Nähe des Hampden-Park-Stadions
von Glasgow, und ihn interessierten schon damals die
größeren Zusammenhänge. Er wollte unbedingt die Welt
kennen lernen: „Man konnte die Campsie Fells in der Ferne
ausmachen, während man unter sich die Züge hörte. Alles
lag vor einem, was man zum Träumen brauchte.“
So verwundert es auch nicht, dass Jim und sein Buddy Charlie Burchill
bald darauf tatsächlich aufbrachen und per Anhalter durch ganz
Europa fuhren. Ursprünglich hatten sie zwar nur geplant, nach
London zu trampen, um dort ein Konzert von The Sex Pistols und The
Damned zu sehen, aber irgendwann standen sie plötzlich in Paris
und lebten ihre eigene Version von Kerouacs „Unterwegs“.
„Letztes Jahr schickte mir Charlie dann eine Idee als MP3-File
rüber, deren Rhythmus irgendwie nach Zügen klang, und da
kamen diese ganzen Erinnerungen hoch und ich dachte mir: ‘Okay
– wir müssen wieder losziehen.’“, erklärt
Kerr. Burchill entwarf mit seinen Kompositionen zugleich ein Bild, das
den Beschreibungen der russischen Unterwelt ähnelt, die man vom
schottischen Autor David Greig kennt – und so entstand
schließlich der düstere und treibende Thriller-Song
„Moscow Underground“.
Auch die Rückkehr in die Rockfield Studios löste bei Kerr ein
heftiges Déjà-vu-Erlebnis aus. Schließlich handelt
es sich dabei um den Ort, an dem Simple Minds so wichtige Alben wie
„Real To Real Cacophony“ (1979) und „Empires And
Dance“ (1980) aufgenommen haben.
„Es war ganz schön bizarr, in dieses alte Haus auf dem
Hügel zurückzukehren, von dem man das gesamte
Studiogelände überblicken kann“, berichtet der
Sänger. „Als wir zum ersten Mal dort waren, als junge Typen
aus der Großstadt, hatten wir keine Ahnung, wie dunkel es auf dem
Land eigentlich wird. Es war stockdunkel, und wir achteten
höllisch darauf, nichts zu vergessen, weil man sonst alleine durch
die Dunkelheit zurücklaufen musste.“
„Ich kann mich auch noch daran erinnern, dass uns das Label
damals eindringlich vor der Veröffentlichung von ‘Real To
Real’ gewarnt hat. Sie meinten, das Album sei zu experimentell,
aber wir waren fest entschlossen, es trotzdem so zu
veröffentlichen. Merkwürdigerweise kam das mulmige
Gefühl von damals ansatzweise zurück, als ich für
‘Graffiti Soul’ in der Gesangskabine stand. Ich stand an
exakt demselben Ort wie vor knapp dreißig Jahren, als ich den
Gesang von ‘Premonition’ aufnahm.“
Doch das mulmige Gefühl verging schon bald wieder, und die
Aufnahme-Sessions für „Graffiti Soul“ liefen mehr als
glatt. Um das zu erkennen, muss man sich nur Songs wie „Light
Travels“, das mit spartanischer Größe besticht –
„Es ist großartig! Ihr müsst nur die Akustikgitarre
mehr in den Vordergrund bringen“, lautete der Ratschlag von
Produzentenlegende Trevor Horn –, oder „Kiss And Fly“
anhören, ein gewaltiges Stück, mit dem Kerr zugleich beweist,
dass sein Bariton auch heute noch genauso kraftvoll wie früher
klingt.
„Erst nahmen wir zusammen ein paar großartige Sessions auf,
und dann hat Charlie das Material bearbeitet und diese fantastischen
Sounds herausgekitzelt“, erzählt der Sänger weiterhin.
„Er dreht die Sachen ganz gerne mal durch den Fleischwolf bzw.
schickt sie durch seine ‘Eno-Kiste’, wie ich sie
nenne.“
„Letztendlich muss man Charlie die Songs irgendwann sogar aus der
Hand reißen. Bono hat früher immer gesagt, dass er wie ein
typischer irischer Fiedler arbeitet, der pausenlos an irgendeiner Sache
herumdoktert. Schon zu Beginn unserer Karriere, als er nur eine Gitarre
und zwei Effektpedale hatte, brachte Charlie immer irgendwelche Puzzles
mit zum Soundcheck – „Die Sixtinische Kapelle“ oder
so –, um sich damit die Zeit zu vertreiben, während die
Toningenieure daran arbeiteten, den richtigen Schlagzeugsound
hinzubekommen. Inzwischen hat er seine Puzzles von damals gegen
Unmengen von Studio-Equipment eingetauscht – wovon unser Sound
natürlich enorm profitiert.“
„Graffiti Soul“ und der anhaltende Erfolg der Simple Minds
als Live-Act unterstreichen eindrucksvoll, dass diese Herren noch
längst nicht zum alten Eisen gehören. Denn genau genommen ist
die Band, die 1985 mit dem Mega-Hit „Don’t You (Forget
About Me)“ und dem dazugehörigen „Once Upon A
Time“-Album auch die USA eroberte, heute noch genauso motiviert
und mutig wie eh und je.
„Wenn du die Musik wirklich liebst, wirst du früher oder
später zu ihr zurückkehren und diese Leidenschaft
weiterverfolgen, ganz egal, was für Erfahrungen du sonst im Leben
gemacht hast“, sagt Jim Kerr abschließend. „Deshalb
kann ich es auch kaum abwarten, dass die Leute ‘Graffiti
Soul’ hören, denn ich bin davon überzeugt, dass diese
Platte unglaublich viel Stehvermögen hat. Unser 30-jähriges
Bestehen zu feiern und gleichzeitig die Menschen mit unseren brandneuen
Songs begeistern zu können, das wäre einfach grandios.“