ITCHYCOO
Itchycoo also. Komischer Name. Ungewöhnlich irgendwie, und doch
einprägsam. Klingt aber auch nach glatter Durchschuss, man meint den
Knall noch zu hören. Oder sagen etwa die Eskimos Itchycoo, wenn sie
eigentlich guten Tag meinen?
Oder ist es vielleicht das thailändische
Wort für "Gesundheit", wenn jemand niest? Oder gar der Kampfschrei japanischer
Eliteschüler beim Judo? Alles falsch, natürlich. Itchycoo machen
Musik, und zwar ziemlich gute. Itchycoo sind zwei, kommen aus Schweden und
sind nicht gecastet, weder für eine TV-Show noch für ein Musikprojekt
vom Reissbrett. Aber das wichtigste: dass, was Itchycoo machen, machen sie
mit Willen und Überzeugung. Mit Finesse und Flair. Und sie machen es
gut.
Mia Bergström und Tobias Gustafsson
sind Itchycoo. Zwei junge Menschen aus Göteborg, gutaussehend und knapp
über Zwanzig. Die Lust haben, in der Musik ein bißchen zu experimentieren,
ohne gleich ins Frickel-Lager abzudriften. Die sich mit elektronischen Hilfsmitteln
auskennen, aber eben auch mit Gitarre und Schlagzeug. Die sich dennoch nicht
scheuen, mal einen Loop zur Gitarre zu packen und das ganze mit einem schnellen
Drumbeat zu unterlegen.
Denen Musik einfach etwas bedeutet,
weil sie einfach Bock auf das haben, was sie machen. Weil ihnen eben keiner
sagt, wie sie es machen sollen, sondern weil die einzige Abtriebsfeder ihre
eigene Lust ist und ihr eigenes Können. Klingt zu schön, um wahr
zu sein. Aber so ist das nun mal mit den Schweden.
Na ja, die Nordländer, denkt
jetzt sicher so mancher, die haben es ja sowieso raus. Die Gefahr übrigens,
im Schwedenurlaub bei einem eventuellen Autounfall einen Musiker unter die
Räder zu bekommen, ist trotz der zu Deutschland geringeren Population
von ca. neun Millionen Einwohnern ungleich höher als bei uns. Denn dass
Schweden Musikland ist, dass Hits wie Stars am Fließband produziert,
weiß inzwischen sogar schon das ferne Amerika, denn nicht umsonst lassen
Britney Spears und J. Lo. und sogar Michael Jackson hier ihre Songs zu Hits
schleifen. In Schweden ticken die Uhren eben um einiges musikalischer als
anderswo.
Und wenn Itchycoo erst einmal ihr
verdammt hörenswertes Debütalbum "Itchycoo" herausgebracht haben,
horchen wir im weitgehend musikalischen Pop-Nimmerland mal wieder auf, was
da so feines in unseren CD-Player geschwappt ist. Und sind, wie immer bei
den Schweden, einmal mehr heftig erstaunt, was die alles so drauf haben.
Und Itchycoo, neuester Bannerträger
des Schwedenpop, haben eine Menge drauf. Fein weben Mia Bergström und
Tobias Gustafsson aus den klassischen Zutaten Gitarre und Drums Songs, die
sie mit kaum wahrnehmbarer Elektronik anpushen und damit dann gnadenlos in
Rock- wie in Pop-Gefilden wildern. Mias Stimme tut ein übrigens ˆ einprägsam,
emotional und direkt lässt sie Songs wie "Lovetrain", "So Goodbye" und
"Come Undone", unterstützt von wohl dosiert eingesetzten, aber imposanten
Gitarren zu einem echten akustischen Erlebnis werden. Balladen wie das zart-zerbrechliche
"On A Sunday" tun dann ihr übriges, um das Herz des Hörers wie
ein Stück Butter auf dem Grill zum schmelzen zu bringen. Songs wie das
fein arrangierte, mit leicht melancholischem Einschlag und dennoch ungemein
poppige "Darkside Of Me" bringt die Membranen im Ohr wie auch das Zäpfchen
hinten im Mund (vom mitwippen des Kopfes) angenehm zum mitschwingen. Und
wenn Mia und Tobias zu Songs wie "Always Forever" oder "Crash Course In Love"
aufs Gaspedal treten und mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit durch
die Titel jagen, fragt man sich, wo die jeweils dreieinhalb Minuten geblieben
sind. Achterbahn ist dagegen gar nichts.
Itchycoo zeigen, dass sie nicht nur
durch die Musikstile rauschen können, wie es ihnen passt, sondern dass
sie das auch noch infektiös machen. "Hinter uns liegen ja auch lange
Jahre des Ausprobierens in verschiedenen Bands", sagt Mia. Sowohl sie als
auch Tobias haben sich zuvor schon in den unterschiedlichsten Projekten,
von Background-Gesang bis Soundbastler, ausgetobt. "Das hat extrem die Sinne
für das geschärft, was ich mir unter einer eigenen Band vorgestellt
habe. Noch schöner ist, dass ich es jetzt so mit Tobias umsetzen kann."
Mia und Tobias kennen sich schon lange.
Kennengelernt haben sich beide vor
Jahren an der Göteborger Musical-Akademie. "Uns war schnell klar, dass
wir nicht die klassischen Musicalkünstler werden, die Abend für
Abend dasselbe aufführen können", sagt Tobias. "Dafür haben
wir einen zu großen Bewegungsdrang. Aber die Schule war für eins
gut, Disziplin und Technik lernt man nirgends besser." Als beide der Akademie
den Rücken kehrten, haben sie sich auch aus den Augen verloren. Bis
zu diesem Abend, als sie mit ihren verschiedenen Bands im "Itchycoo" auftraten,
einer Bar in Göteborg. "Da haben wir uns das erstemal nach langer Zeit
wiedergesehen. Ich war überrascht, welche Fortschritte Tobias mit seiner
Musik gemacht hat. Bei ihm war es wohl ähnlich. Auf jeden Fall haben
wir den ganzen Abend zusammengesteckt und die Idee, was eigenes zu machen,
war sehr schnell geboren, das kam fast von alleine." Und Tobias ergänzt:
"Stimmlich hatte Mia gewaltig zugelegt, das hat mich wirklich umgehauen.
Die Vision, endlich das umzusetzen, was ich schon immer wollte, war in diesem
Moment stärker als jemals zuvor."
Zusammen arbeiteten die beiden konsequent
an eigenen Songs, die in Studios in Los Angeles und Stockholm zur Vollendung
reiften. Unterstützt wurden die beiden vom Songwriterteam "Epicentre"
sowie den Produzenten Guy Roche, Peter Kvint und Douglas Carr (Heather Nova,
Christina Aguilera, Andreas Johnson etc.) ."Es war fantastisch, mit diesen
Leuten zu arbeiten", sagt Tobias.
"Anders und Fredrik von "Epicentre"
haben die Fähigkeit, das maximale aus einem Song herauszuholen und uns
wertvolle Tipps für unsere eigene Arbeit gegeben." Und Mia sagt: "Auch
mit Producern wie Guy Roche oder Peter Kvint zu arbeiten war ein Vergnügen.
Bei Newcomern besteht oft die Gefahr, dass der Produzent zu sehr seinen Stempel
aufdrücken will. Das haben wir bei keinem von den dreien jemals gespürt,
im Gegenteil. Sie sind einfühlsam und verständnisvoll mit uns umgegangen."
Das Ergebnis ist tatsächlich
eine Bank: "Itchycoo" ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle und Emotionen,
eine homogene Einheit aus Midtempo- und Uptempo-Songs, die dem Hörer
den Boden unter den Füßen wegziehen. Mia behält bei jedem
Song, ob Ballade oder Crossover, locker die Zügel in der Hand und führt
sicher durch die Mischung aus insgesamt 10 fantastischen Songs, die gerade
live eine noch druckvollere Variation erwarten lassen.
Zweifelt irgend jemand daran, dass
hier die nächsten Superstars aus Schweden an den Start gehen? Der Knall,
der dem Namen Itchycoo vorauseilt, wird jedenfalls lange nachhallen. Sicher
ist sicher.